Eine kleine Spitex-Organisation erhält eine Anfrage für die Pflege eines Menschen mit Tracheostoma. Noch nie gemacht. Vor zwei Jahren wäre das vielleicht eine Absage gewesen. Heute ist es ein Telefonat.
Ein Anruf und ein Netzwerk
«Wir haben eine Anfrage für Tracheostoma-Pflege» – mit diesem Satz meldete sich vor Kurzem eine der kleineren Organisationen bei Nicole Hollenstein, mobile Pflegeexpertin APN bei Advacare. Ihre Antwort: «Ganz ruhig, das schaffen wir.»
Es folgte kein Konzeptpapier, sondern eine Kette von kleinen Schritten: ein Blick in die Fachbibliothek, wo Leitfäden und Standards zur Tracheostoma-Pflege bereitliegen. Ein Austausch zwischen zwei Teamleitungen darüber, wie der Einsatz aufgegleist und die Planung gestaltet wird. Und schliesslich liess sich die Tracheostoma-Nurse des Spitals, aus dem der Klient entlassen wurde, für eine gemeinsame Schulung gewinnen.
«Was für den Betrieb zuerst wie ein unüberwindbares Hindernis aussah, war am Schluss gut machbar. Sie wissen jetzt, wie sie den Klienten aufnehmen, wie sie planen und wie sie sich weiterbilden. Das ist Empowerment.» – Nicole Hollenstein
Genau dafür wurde die Fachstelle Pflegeexpertise geschaffen. Sie ist kein Beratungsmandat mit Bericht am Schluss, sondern eine dauerhaft erreichbare Fachinstanz für fünf Organisationen, die vieles gemeinsam besser lösen können als jede für sich.
Teil eines grösseren Bildes
Der Spitex Kantonalverband Schwyz (SKSZ) hat sich mit dem Projekt «Spitex SZ – Wege in die Zukunft» breit aufgestellt. Es umfasst vier Projektbereiche: die Entwicklung eines möglichst kantonsweiten Leistungsangebots, zukunftsfähige Arbeitsbedingungen für die Gewinnung und Bindung von Fachpersonal, die Einbindung von Betroffenen, Angehörigen und Gemeinden sowie den Aufbau tragfähiger Organisationen mit gesicherter Wirtschaftlichkeit.
Die Pflegeexpertise ist eines der Teilprojekte. Die Ziele sind anspruchsvoll formuliert: Pflegeentwicklung nachhaltig sicherstellen, Qualität sowie Breite und Tiefe des Angebots erhöhen, Synergien nutzen, die Pflege zwischen den Basisorganisationen für eine strukturierte, evidenzbasierte Versorgung harmonisieren und die Mitarbeitenden bedarfsgerecht unterstützen.
Der Anspruch dahinter ist einfach zu benennen und schwer umzusetzen: Auch eine kleine Organisation soll Klientinnen und Klienten mit komplexem Bedarf übernehmen können, ohne dass ihr Team dabei auf sich allein gestellt ist.
Ein Auswahlverfahren mit mehreren Anbietern
Der Weg zur Umsetzung war aufwendig. Der Verband liess sich zuerst Konzepte und Unterlagen einreichen und sichtete sie. Danach folgte eine Vorauswahl, und erst anschliessend luden die Verantwortlichen mehrere Anbieter von mobiler Pflegeexpertise zum Pitch. Am Ende fiel die Wahl auf Advacare.
Was den Ausschlag gab, lässt sich aus Sicht von Nicole Hollenstein an mehreren Punkten festmachen.
Nähe zur Praxis
«Sie wollten spüren, dass wir aus der Praxis kommen. Dass wir in den Basisorganisationen vor Ort sind und die Bedarfsanalyse wirklich selber machen, statt sie uns schildern zu lassen.»
Der klinische Fokus war im Pitch das, was zählte. Dazu kamen die Fachbibliothek und die Vernetzung unter den Organisationen – beides Teil des Angebots, nicht Zusatz.
Keine Uniformierung
Ein weiterer Punkt betrifft die Haltung. Ziel ist ausdrücklich nicht, dass alle Organisationen gleich werden.
«Die Individualität jedes Betriebs muss geschützt bleiben. Die Frage ist nicht, wie wir ein System überstülpen, sondern wo echtes Synergiepotenzial besteht.»
Dass Advacare mehrere Spitex-Organisationen und Institutionen begleitet, half dabei, diese Unterscheidung an konkreten Beispielen zu zeigen: Wo lohnt sich ein gemeinsamer Standard, und wo ist Vielfalt kein Mangel, sondern die Antwort auf unterschiedliche Grössen, Strukturen und Versorgungsgebiete?
Ein Team statt einer Person
Schliesslich spielte die Grösse des Teams eine Rolle, und zwar in zweifacher Hinsicht. Hängt eine solche Fachstelle an einer einzelnen Person, entsteht bei einem Ausfall sofort ein Engpass. Ebenso wichtig war dem SKSZ der Zugang zu einer breiten Fachexpertise: Hinter der Fachstelle steht ein Team von Pflegeexpertinnen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Kommt eine Frage, die über das eigene Fachgebiet hinausgeht, lässt sie sich intern weiterreichen, statt an eine Grenze zu stossen.
Wie das Modell aufgebaut ist
Der Zyklus
Die Fachstelle arbeitet nicht in Einzelaufträgen, sondern in einem wiederkehrenden Zyklus: Bedarf erfassen, gemeinsam mit den Basisorganisationen Jahresziele festlegen, Inhalte recherchieren und erarbeiten, Standards und Leitlinien zur Verfügung stellen, Wissen sichern und schliesslich im jährlichen Qualitätsbericht auswerten, was sich verändert hat. Danach beginnt der Zyklus von vorne, mit dem Stand, den die Organisationen inzwischen erreicht haben.
Wer welche Rolle hat
Die Fachstelle Pflegeexpertise erarbeitet Konzepte und Standards, leitet die Netzwerktreffen, coacht die Multiplikatorinnen und sichert die fachliche Konsistenz über alle Organisationen hinweg.
In jeder Basisorganisation trägt ein:e Multiplikator:in die gemeinsam erarbeiteten Konzepte ins eigene Team, schult die Mitarbeitenden und bildet die Brücke zur Fachstelle Pflegeexpertise: Sie/Er meldet Anliegen, Hindernisse und Fortschritte zurück. Idealerweise ist sie/er selbst in der Fallführung tätig oder trägt Bereichsverantwortung.
Das Kompetenzzentrum Bildung & Entwicklung des Verbands stellt bedarfsgerechte Blended-Learning- und weitere Lernformate bereit – von Präsenzschulungen und E‑Learning bis hin zur gemeinsamen Koordination und Zusammenarbeit mit der Fachstelle Pflegeexpertise. Die Geschäftsleitungen der Basisorganisationen schliesslich sorgen für Commitment, Ressourcen und die Verbindlichkeit der Umsetzung im eigenen Betrieb.
Wie die Fachstelle getragen wird
Die Kosten für die Projektumsetzung durch die externe Pflegeexpertise werden von den fünf beteiligten Basisorganisationen nach einem für alle gleichen Kostenschlüssel getragen. Braucht eine einzelne Organisation Unterstützung zu einem Thema ausserhalb der gemeinsamen Schwerpunkte, kann sie diese Leistung separat bei Advacare beziehen; verrechnet wird sie dann der jeweiligen Organisation.
Gemeinsam statt einzeln
Der entscheidende Schritt, sagt Nicole Hollenstein, sei nicht die Frage, wo eine solche Stelle angesiedelt ist, sondern dass mehrere Organisationen sie überhaupt gemeinsam tragen:
«Der Mehrwert liegt darin, dass fünf Organisationen eine gemeinsame Fachstelle betreiben und Expertenwissen zusammen aufbauen.»
Voraussetzung dafür sei, dass die Fachstelle die Betriebe wirklich kennt und die Beziehungen zu den Multiplikatorinnen pflegt. Wer nur Konzepte liefert, ohne den Alltag der Organisationen zu verstehen, wird wenig bewegen. Ist diese Nähe da, funktioniert das Modell gut.
Damit das Wissen bleibt
Eine gemeinsam getragene Fachstelle wirft eine berechtigte Frage auf: Was bleibt, wenn das Mandat einmal endet?
Die Antwort steckt im Aufbau. Die Rollenverteilung mit den Multiplikatorinnen wurde bewusst schon beim Aufsetzen des Zyklus festgelegt, analog zu anderen Fachstellen. Sie sind es, die das Wissen im Betrieb verankern. Dazu kommen einheitliche Konzepte und Standards, die das Erarbeitete bündeln, sowie die Lernplattform mit unterschiedlichen Lernthemen und der Fachbibliothek, in der den Teams geprüfte Leitfäden, Standards und Fachinhalte zur Verfügung stehen – Wissen, auf das sie im Alltag selbstständig zugreifen können, ohne jedes Mal nachfragen zu müssen.
Wie jeder Betrieb dieses Wissen an die Basis bringt und nachhaltig verankert, bleibt dabei bewusst seine eigene Aufgabe. Eine Fachstelle kann Strukturen und Inhalte liefern; die Umsetzung im Team nimmt sie niemandem ab.
Ein Modell, das sich übertragen lässt
Bedarfsklärung, Fachbibliothek, Vernetzung und mobile Pflegeexpertise nach Bedarf: Diese vier Elemente greifen im Schwyzer Modell ineinander. Es eignet sich überall dort, wo mehrere Organisationen Pflegeentwicklung gemeinsam statt einzeln angehen wollen – in der Spitex ebenso wie in Alters- und Pflegeheimen oder in Institutionen für Menschen mit Behinderung.
Der Anfang ist dabei selten ein Konzept. Er ist ein Anruf, der mit «das schaffen wir» beantwortet wird.
