Gemein­sam gegen den Schmerz: The­men­ver­ant­wort­li­che im Alters­heim Inseli

Wie das Alters­heim Inseli in Bals­thal mit einer neu­en Rol­le das Schmerz­ma­nage­ment dau­er­haft im Pfle­ge­all­tag verankert.

Schmer­zen gehö­ren im Pfle­ge­heim­all­tag zu den häu­figs­ten und zugleich am schwie­rigs­ten zu erfas­sen­den Belas­tun­gen. Im Alters­heim Inseli in Bals­thal wur­de des­halb gemein­sam mit Adva­ca­re die Rol­le der «The­men­ver­ant­wort­li­chen Schmerz» ein­ge­führt: Auf jeder Sta­ti­on über­nimmt eine Pfle­ge­fach­per­son zusätz­li­che Ver­ant­wor­tung, um Wis­sen rund um Schmerz­er­fas­sung und ‑behand­lung im Team zu ver­an­kern. Fach­li­che Grund­la­ge bil­den die Inhal­te der Fach­bi­blio­thek von Advacare.

Aus­gangs­la­ge und Bedürfnis 

Schmer­zen sind im Pfle­ge­heim weit ver­brei­tet: Gemäss den medi­zi­ni­schen Qua­li­täts­in­di­ka­to­ren des Bun­des­am­tes für Gesund­heit gaben für das Daten­jahr 2024 in der Schweiz durch­schnitt­lich rund 17,4 % der Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner in der Selbst­ein­schät­zung mitt­le­re bis star­ke Schmer­zen an.

Schmerz wirkt dabei weit über die kör­per­li­che Dimen­si­on hin­aus. Das Kon­zept des umfas­sen­den Schmer­zes (Total Pain) zeigt, dass Schmer­zen auch die sozia­le, psy­chi­sche und spi­ri­tu­el­le Ebe­ne des Men­schen betref­fen. Eine wirk­sa­me Schmerz­be­hand­lung ist des­halb zen­tral für die Lebens­qua­li­tät – und bedeu­tet weit mehr als die Abga­be von Schmerzmedikamenten.

Die Leit­li­nie zum Schmerz­ma­nage­ment bei ger­ia­tri­schen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten (Geri­PAIN) emp­fiehlt aus­drück­lich, dass alle an der Ver­sor­gung Betei­lig­ten regel­mäs­sig geschult wer­den. Im All­tag stel­len sich dar­aus ganz kon­kre­te Fra­gen: Wel­ches Instru­ment eig­net sich zur Schmerz­er­fas­sung? Wann und wie wird eine Schmerz­si­tua­ti­on voll­stän­dig erfasst und doku­men­tiert? Genau an die­sen all­täg­li­chen Her­aus­for­de­run­gen setzt das Modell an.

Der inno­va­ti­ve Kern 

Statt einer ein­ma­li­gen Schu­lung setzt das Alters­heim Inseli auf eine dau­er­haf­te Rol­le: die The­men­ver­ant­wort­li­chen Schmerz. Der ent­schei­den­de Gedan­ke dahin­ter ist Befä­hi­gung statt Über­nah­me. Die The­men­ver­ant­wort­li­chen sol­len nicht sämt­li­che Auf­ga­ben im Schmerz­ma­nage­ment an sich zie­hen, son­dern die Fähig­kei­ten ihrer Teams gezielt stärken.

Fach­lich stützt sich das Modell auf die Inhal­te der Fach­bi­blio­thek von Adva­ca­re, die den The­men­ver­ant­wort­li­chen jeder­zeit zur Ver­fü­gung ste­hen. Beglei­tet wird der Auf­bau durch eine mobi­le Pfle­ge­ex­per­tin von Adva­ca­re, deren Fokus dar­auf liegt, Res­sour­cen vor Ort auf­zu­bau­en, statt Wis­sen von aus­sen zuzutragen.

«Befä­hi­gung statt Über­nah­me: Die The­men­ver­ant­wort­li­chen stär­ken die Fähig­kei­ten ihrer Teams.»

Umset­zung und Beteiligte 

Das Alters­heim Inseli in Bals­thal bie­tet Platz für 86 Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner auf vier Sta­tio­nen, dar­un­ter eine geschütz­te Wohn­grup­pe für Men­schen mit Demenz. Seit Sep­tem­ber 2025 besteht die Zusam­men­ar­beit mit Adva­ca­re, in deren Rah­men das Modell der The­men­ver­ant­wort­li­chen mit dem Schwer­punkt Schmerz ein­ge­führt wur­de. 

Von jeder der vier Sta­tio­nen wur­de eine inter­es­sier­te Pfle­ge­fach­per­son für die Rol­le gewon­nen. Gemein­sam ent­stand ein Rol­len­be­schrieb, der durch die Heim- und Pfle­ge­dienst­lei­tung frei­ge­ge­ben wur­de. 

Ziel der Rol­le ist es, den Umgang mit Schmer­zen im All­tag zu för­dern und zu unter­stüt­zen – adres­siert wer­den dabei nicht nur die Bewoh­nen­den, son­dern aus­drück­lich auch die Pfle­ge­teams und die Ange­hö­ri­gen. Zu den Kern­auf­ga­ben zäh­len Wis­sens­ver­mitt­lung und Sen­si­bi­li­sie­rung. Als ers­ten Schritt stell­ten die The­men­ver­ant­wort­li­chen ihre neue Rol­le in den Teams vor. 

Die Zusam­men­ar­beit folgt einem fes­ten Rhyth­mus: 

  • alle zwei Wochen ein fach­li­cher Input am Rap­port 
  • eine monat­li­che gemein­sa­me Sit­zung zur Ent­wick­lung der Inhal­te 
  • Teil­nah­me der mobi­len Pfle­ge­ex­per­tin an jeder zwei­ten Sit­zung vor Ort 
  • enge Unter­stüt­zung durch die Fach­ver­ant­wort­li­che Pfle­ge sowie Ein­be­zug von Ler­nen­den 

Die Kern­in­hal­te wer­den vor­ab gemein­sam erar­bei­tet, um einen ein­heit­li­chen Wis­sens­stand sicher­zu­stel­len. Anschlies­send über­nimmt jede the­men­ver­ant­wort­li­che Per­son ein Unter­the­ma und gestal­tet die nöti­gen Hilfs­mit­tel eigen­stän­dig – von Pos­tern und Anlei­tun­gen über Quiz­fra­gen bis zu Kreuz­wort­rät­seln oder Memo­ry-Spie­len. Auch Ler­nen­de wer­den aktiv in die Vor­be­rei­tung ein­be­zo­gen. Die Durch­füh­rung der Inputs liegt bei den The­men­ver­ant­wort­li­chen selbst; bei Fra­gen oder für Rück­mel­dun­gen zu den Ent­wür­fen steht ihnen die mobi­le Pfle­ge­ex­per­tin zur Sei­te, vor Ort wer­den sie zudem eng von der Fach­ver­ant­wort­li­chen Pfle­ge unterstützt.

The­ma­tisch stan­den bis­her drei Pake­te im Fokus:

  • Struk­tu­rier­te Schmerz­er­fas­sung – Zeit­punkt, Voll­stän­dig­keit und der kor­rek­te Ein­satz von Assess­ment­in­stru­men­ten 
  • Nicht-medi­ka­men­tö­se Behand­lung – Grund­la­gen und kon­kre­te Mass­nah­men, etwa die prak­ti­sche Anwen­dung von Wickeln 
  • Medi­ka­men­tö­se Behand­lung – Grund­la­gen­wis­sen wie das WHO-Stu­fen­sche­ma sowie Reser­ve­me­di­ka­ti­on anhand von Fall­bei­spie­len 

Ein fes­ter Bestand­teil jeder Sit­zung ist zudem die Eva­lua­ti­on der durch­ge­führ­ten Inputs, die das gemein­sa­me Ler­nen von­ein­an­der för­dert. 

Erkennt­nis­se und Nutzen 

Bereits in die­ser Auf­bau­pha­se zeigt sich, dass der Rol­len­auf­bau mehr bewirkt als die Ver­mitt­lung von Fach­wis­sen. Zen­tra­le Erkennt­nis­se sind:

  • Dedi­zier­te The­men­ver­ant­wort­li­che ver­fü­gen über die zeit­li­chen und fach­li­chen Res­sour­cen, um sich ver­tieft einem The­ma zu wid­men, statt meh­re­re Gross­ver­ant­wor­tun­gen par­al­lel zu tra­gen. 
  • Die gemein­sa­me Vor­be­rei­tung sichert einen ein­heit­li­chen Wis­sens­stand im gan­zen Haus. 
  • Die regel­mäs­si­ge Eva­lua­ti­on der Inputs macht Schwie­rig­kei­ten – etwa ein unter­schied­lich star­kes Inter­es­se ein­zel­ner Team­mit­glie­der – eben­so sicht­bar wie posi­ti­ve Erfah­run­gen und för­dert das Ler­nen von­ein­an­der. 

Nut­zen für die Bewohnenden 

  • Schmer­zen wer­den zuver­läs­si­ger erkannt und struk­tu­riert erfasst 
  • die Grund­la­ge für eine wirk­sa­me­re Schmerz­be­hand­lung und höhe­re Lebens­qua­li­tät wird gestärkt 

Nut­zen für die Institution 

  • Fach­kom­pe­tenz wird nach­hal­tig vor Ort auf­ge­baut 
  • die Pfle­ge­qua­li­tät ent­wi­ckelt sich kon­ti­nu­ier­lich wei­ter 
  • Ver­ant­wor­tung ver­teilt sich auf meh­re­re befä­hig­te Per­so­nen 

Über­trag­bar­keit und nächs­te Schritte 

Das Rol­len­mo­dell ist nicht auf das The­ma Schmerz beschränkt. Im Alters­heim Inseli ist vor­ge­se­hen, künf­tig wei­te­re The­men­ver­ant­wort­li­che für ande­re Fach­be­rei­che wie Pal­lia­ti­ve Care auf­zu­bau­en. Mit zuneh­men­der Eta­blie­rung wird sich auch die Fre­quenz der Inputs ver­än­dern und nicht mehr im Zwei-Wochen-Takt erfolgen.

Da vie­le Insti­tu­tio­nen vor ähn­li­chen Her­aus­for­de­run­gen im Schmerz- und Wis­sens­ma­nage­ment ste­hen, lässt sich der Ansatz grund­sätz­lich auf ande­re Orga­ni­sa­tio­nen über­tra­gen. In einer nächs­ten gemein­sa­men Sit­zung wird die wei­te­re Umset­zung kon­kret geplant.