Die Stiftung Behindertenbetriebe Uri prüft, wie pflegerische Leistungen sauber abgegrenzt, dokumentiert und künftig über die Spitexfinanzierung abgerechnet werden können.
Pflegeleistungen gehören in vielen Behinderteninstitutionen längst zum Alltag. Dennoch werden sie häufig nicht systematisch erfasst oder gegenüber den Krankenversicherern abgerechnet. Das Projekt in der Stiftung Behindertenbetriebe Uri (SBU) untersucht, wie pflegerische Leistungen innerhalb eines bestehenden Wohn- und Betreuungssettings fachlich sauber abgegrenzt, dokumentiert und künftig über die Spitexfinanzierung abgerechnet werden können.
Ausgangslage und Bedürfnis
Menschen mit Behinderungen erreichen heute erfreulicherweise ein deutlich höheres Alter als noch vor wenigen Jahrzehnten. Damit steigt auch der Bedarf an pflegerischer Unterstützung. Viele Behinderteninstitutionen erbringen pflegerische Leistungen bereits heute als Teil ihres Betreuungsauftrags. Die Finanzierung dieser Leistungen erfolgt derzeit primär über die Strukturen des Behindertenbereichs und nicht über eine separate Abrechnung von Pflegeleistungen.
Gleichzeitig verfolgt der Kanton Uri das Ziel, bestehende Finanzierungsmöglichkeiten im Bereich der Pflege verstärkt zu nutzen, sofern die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Dadurch sollen die Finanzierungsstrukturen transparenter gestaltet und die vorhandenen Ressourcen gezielter eingesetzt werden.
Die SBU prüft deshalb die Einführung eines Modells, bei dem definierte Pflegeleistungen künftig nach den Vorgaben der Krankenversicherung erbracht, dokumentiert und abgerechnet werden können. Ziel ist es, die tatsächlich erbrachten Pflegeleistungen sichtbar zu machen, die Finanzierung transparenter zu gestalten und gleichzeitig die Versorgungsqualität zu sichern.
Der innovative Kern
Die Besonderheit des Projekts liegt darin, dass kein klassischer Spitexbetrieb aufgebaut wird. Vielmehr sollen pflegerische Leistungen innerhalb der SBU integriert werden. Dadurch entsteht ein komplexes Spannungsfeld: Angestellte begleiten Bewohnende häufig gleichzeitig in betreuerischen, agogischen und pflegerischen Situationen. Für eine korrekte Leistungserfassung müssen diese Tätigkeiten künftig klar voneinander abgegrenzt werden. Das Projekt beschäftigt sich daher nicht nur mit der Abrechnung, sondern auch mit grundlegenden Fragen der Rollenklärung, Dokumentation, Prozessgestaltung und Qualitätssicherung.
«Die Herausforderung liegt nicht nur in der Abrechnung, sondern in der klaren Unterscheidung zwischen Betreuung und Pflege.»
Umsetzung und Beteiligte
Im Projekt werden die bestehenden Abläufe analysiert und die zukünftigen Prozesse definiert. Dabei stehen insbesondere folgende Themen im Fokus:
- Abgrenzung zwischen Betreuung und Pflege
- Voraussetzungen für die Abrechnung gegenüber Krankenversicherern
- Bedarfsabklärung und ärztliche Verordnungen
- Dokumentation und Leistungserfassung
- Verantwortlichkeiten zwischen Pflege, Betreuung und Administration
- Anforderungen an die Qualitätssicherung
Beteiligt sind Angestellte aus Pflege, Betreuung, Administration sowie weitere interne Fachpersonen. Die unterschiedlichen Perspektiven sind entscheidend, da die Veränderungen zahlreiche Bereiche der Organisation betreffen.
Das Projekt wird in enger Zusammenarbeit mit dem Kanton Uri umgesetzt. Der Kanton beteiligt sich an der Finanzierung und unterstützt die Entwicklung eines Modells zur zukünftigen Finanzierung von Pflegeleistungen für Menschen mit Behinderungen im Kanton Uri.
Erkenntnisse und Nutzen
Bereits in der bisherigen Projektarbeit zeigt sich, dass die Einführung von KVG-finanzierten Pflegeleistungen weit mehr bedeutet als die Schaffung eines neuen Abrechnungssystems. Zentrale Erkenntnisse sind:
- Pflegeleistungen müssen fachlich eindeutig definiert und begründet werden.
- Die Dokumentation erhält eine noch grössere Bedeutung.
- Klare Verantwortlichkeiten sind eine Voraussetzung für die Nachvollziehbarkeit der Leistungen.
- Die Zusammenarbeit zwischen Pflege, Betreuung und Administration wird enger und strukturierter.
Langfristig kann das Projekt dazu beitragen, die pflegerische Versorgung transparenter darzustellen und die vorhandene Fachlichkeit sichtbar zu machen.
Nutzen für die Bewohnenden
- pflegerische Bedürfnisse werden systematischer erfasst
- Versorgungssicherheit steigt
- Pflegeleistungen werden fachlich sichtbarer
Nutzen für die Institution
- bessere Finanzierung tatsächlich erbrachter Pflegeleistungen
- klare Prozesse und Verantwortlichkeiten
- höhere Transparenz
Nutzen für das System
- Entlastung der kantonalen Finanzierung
- Nutzung bestehender KVG-Finanzierungsstrukturen
- bedarfsgerechtere Mittelverteilung
Übertragbarkeit und nächste Schritte
Viele Behinderteninstitutionen stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Die im Projekt entwickelten Prozesse und Erfahrungen können deshalb auch für andere Organisationen von Interesse sein.
Aktuell befindet sich das Projekt in der Konzeptions- und Prozessentwicklungsphase. Aufbauend auf den Erkenntnissen aus dem Vorprojekt werden in den nächsten Schritten die organisatorischen und fachlichen Voraussetzungen für die Umsetzung geschaffen.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung eines betrieblichen Detailkonzepts sowie der Definition der zukünftigen Prozesse rund um Bedarfsabklärung, Dokumentation, Leistungserfassung und Abrechnung. Gleichzeitig wird die Implementierung eines strukturierten Pflegeprozesses vorbereitet, um pflegerische Leistungen systematisch zu planen, durchzuführen, zu evaluieren und nachvollziehbar zu dokumentieren.
Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Befähigung der Angestellten. Die neuen Anforderungen an die Abgrenzung zwischen Betreuung und Pflege, die Dokumentation sowie die Leistungserfassung erfordern gezielte Schulungen und eine kontinuierliche fachliche Begleitung.
Damit wird die Grundlage geschaffen, die geplante Finanzierung von Pflegeleistungen nachhaltig und qualitätsgesichert in den bestehenden Wohn- und Betreuungsalltag der SBU zu integrieren.
