«Teams tra­gen her­aus­for­dern­de Situa­tio­nen enorm lan­ge mit – oft trotz Überforderung»

Mar­ti­na Lerch ist als Advan­ced Prac­ti­ce Nur­se mit Fokus Men­tal Health in Spi­tex-Orga­ni­sa­tio­nen, Alters- und Pfle­ge­hei­men und betreu­ten Wohn­for­men für Men­schen mit einer psy­chi­schen Erkran­kung unter­wegs. Ein Gespräch über das, was sie dort sieht – und dar­über, wie wenig es manch­mal braucht.

Seit Novem­ber 2024 ist Mar­ti­na Lerch für Adva­ca­re im Ein­satz, bis­her par­al­lel zu ihrer Anstel­lung bei der Luzer­ner Psych­ia­trie. Ab Okto­ber arbei­tet sie aus­schliess­lich bei uns – und das Ange­bot APN – Men­tal Health steht ab sofort allen Insti­tu­tio­nen offen. Vor­her hat sie über zehn Jah­re in psych­ia­tri­schen Kli­ni­ken gearbeitet.

Mar­ti­na Lerch
Pfle­ge­ex­per­tin APN, MScN

Mas­ter of Sci­ence in Pfle­ge mit Ver­tie­fung Psych­ia­tric Men­tal Health Nur­se Prac­ti­tio­ner, Ber­ner Fach­hoch­schu­le. Wei­ter­bil­dun­gen in Open Dia­lo­gue und Advan­ce Care Planning.

Seit 2013 in der psych­ia­tri­schen Pfle­ge: zunächst als diplo­mier­te Pfle­ge­fach­frau und Fach­ex­per­tin Pfle­ge in der Psych­ia­tri­schen Kli­nik in Solo­thurn. Ab 2020 als Pfle­ge­ex­per­tin APN und Cli­ni­cal Nur­se Spe­cia­list bei der Luzer­ner Psych­ia­trie – dort unter ande­rem Ansprech­part­ne­rin in der Zusam­men­ar­beit mit dem Spi­tex Kan­to­nal­ver­band und den Spitex-Organisationen.

Bei Adva­ca­re seit Novem­ber 2024, ab Okto­ber 2026 in Voll­zeit. Aktiv in den Fach­netz­wer­ken Pfle­ge­fach­ent­wick­lung in der Psych­ia­trie (npfp) und VfP-AFG Psych­ia­tri­sche Pflege.

Mar­ti­na, war­um schlägt dein Herz für die psych­ia­tri­sche Pflege?

Ursprüng­lich war es die Fas­zi­na­ti­on dafür, wie stark die Psy­che die Wahr­neh­mung und das Erle­ben eines Men­schen prä­gen kann. Dazu kam, dass ich im erwei­ter­ten fami­liä­ren Umfeld schon früh mit­er­lebt habe, was eine psy­chi­sche Erkran­kung mit dem gan­zen Netz­werk macht – nicht nur mit der betrof­fe­nen Per­son. Die­se Fra­ge hat mich nie los­ge­las­sen: Was geht in die­sem Men­schen vor, was braucht er in die­sem Moment, und was brau­chen die Ange­hö­ri­gen? Des­halb war für mich der Ein­be­zug der Ange­hö­ri­gen immer zen­tral. Es geht am Ende dar­um, dass jemand mög­lichst selbst­be­stimmt und mit best­mög­li­cher Lebens­qua­li­tät leben kann – für die Per­son und für ihr Umfeld. Dies hat mich bis heu­te ange­trie­ben mein Wis­sen und mei­ne Fer­tig­kei­ten in die­sem Fach­be­reich wei­ter zu vertiefen.

Du warst lan­ge in psych­ia­tri­schen Kli­ni­ken tätig, jetzt bist du bei unter­schied­li­chen Insti­tu­tio­nen unter­wegs. Was hat dich dort überrascht?

Aus Sicht der Kli­nik hat­te ich den Ein­druck, es kom­me rela­tiv schnell zu einem Ein­tritt. Mit dem Per­spek­tiv­wech­sel erken­ne ich nun, dass die Teams schwie­ri­ge Situa­tio­nen unglaub­lich lan­ge mit­tra­gen – auch dann noch, wenn sie längst an ihre Gren­zen gestos­sen sind, über­for­dert, manch­mal auch ver­un­si­chert oder ängst­lich. Die­se Bereit­schaft hat mich sehr beein­druckt, aber auch nach­denk­lich gestimmt. Auf­grund von feh­len­dem psych­ia­tri­schem Fach­wis­sen füh­ren gewis­se Situa­tio­nen rasch zu Über­for­de­rung. Dabei habe ich die Erfah­rung gemacht, dass bereits klei­ne fach­li­che Inputs eine gros­se Wir­kung zei­gen: Sie för­dern das Ver­ständ­nis für die betrof­fe­ne Per­son und stär­ken die Hand­lungs­si­cher­heit der Pfle­gen­den. Das ent­las­tet das Team und ver­bes­sert die Pfle­ge- und Betreu­ungs­qua­li­tät für die Betroffenen.

Die­se Beob­ach­tun­gen sind der Grund, war­um ich für die­se Arbeit brenne.

«Eine Situa­ti­on muss nicht eska­lie­ren, bis man sich meldet.»

Eine Pfle­ge­dienst­lei­tung ist sel­ten selbst im Ein­satz dabei. Wor­an kann sie trotz­dem mer­ken, dass es sich lohnt hinzuschauen?

Meis­tens beschäf­tigt die Situa­ti­on das Team sicht­bar. Im Rap­port nimmt eine ein­zel­ne Bewoh­ne­rin oder ein ein­zel­ner Kli­ent viel Raum und Zeit ein. Oft kann das Team gar nicht genau benen­nen, wor­an es liegt, aber man spürt einen gewis­sen Frust, eine Resi­gna­ti­on, weil sich die Situa­ti­on fach­lich nicht ein­ord­nen lässt. Dazu kommt eine Gereizt­heit gegen­über der Per­son, die aus der Über­for­de­rung ent­steht, nicht aus Unfreund­lich­keit. Und es fin­det Ver­mei­dung statt: Direk­ter Kon­takt zur Per­son wird eher kurz gehal­ten, man lässt die Situa­ti­on lau­fen und ist nur noch punk­tu­ell da. Ein wei­te­res Signal sind Ange­hö­ri­ge, die sich mit einer gewis­sen Vehe­menz ein­brin­gen müs­sen, um gehört zu wer­den und auf gewis­se Miss­stän­de hin­wei­sen zu können.

Muss dafür eine psych­ia­tri­sche Dia­gno­se vorliegen?

Nein, und das ist mir wich­tig. Manch­mal han­delt es sich um aus­ge­präg­te Per­sön­lich­keits­merk­ma­le und Ver­hal­tens­wei­sen einer Per­son, die im Zusam­men­le­ben oder im Pfle­ge­all­tag als stö­rend erlebt wer­den, ohne dass eine psych­ia­tri­sche Dia­gno­se vor­liegt. «Sie ver­hält sich so spe­zi­ell». Das höre ich immer wie­der – und genau dann lohnt es sich hin­zu­schau­en, was dahintersteckt.

Wie kommt ein Auf­trag zu dir – und was pas­siert dann?

Die Insti­tu­ti­on nimmt über ihre Ansprech­per­son von Adva­ca­re Kon­takt auf. Ich klä­re die Situa­ti­on und den Bedarf dann direkt mit der Pfle­ge­dienst­lei­tung ab, meist tele­fo­nisch, und pla­ne zeit­nah einen Ter­min. Teil­wei­se gebe ich bereits beim Erst­kon­takt ers­te Hand­lungs­emp­feh­lun­gen: was das Team in den nächs­ten Stun­den und Tagen schon tun kann – wor­auf es ach­ten soll, wel­che Aspek­te viel­leicht noch nicht berück­sich­tigt wurden. 

Vor Ort gestal­ten wir es unter­schied­lich: als Fall­be­spre­chung, gekop­pelt mit einem Fach­in­put zum jewei­li­gen The­ma. Oder ich beglei­te Pfle­gen­de direkt bei der Pfle­ge der betref­fen­den Per­son, damit ich mir ein umfas­sen­des Bild ver­schaf­fen kann. Zum einen kann ich den Pfle­gen­den ein Feed­back zu ihrem Han­deln geben, zum ande­ren kann ich eine ver­tief­te Beur­tei­lung der Situa­ti­on vor­neh­men und Emp­feh­lun­gen für die Behand­lung und Pfle­ge abge­ben. Dies ver­bin­den wir am sel­ben Tag meist noch mit einer Fallbesprechung. 

Kannst du eine Situa­ti­on erzäh­len, in der sich etwas ver­än­dert hat?

Ich wur­de in einem Alters- und Pfle­ge­heim zu einer Frau mit einer lang­jäh­ri­gen Schi­zo­phre­nie-Erkran­kung bei­gezo­gen. Sie wur­de regel­mäs­sig von belei­di­gen­den Stim­men geplagt und beschimpf­te die­se laut­hals, meist im Auf­ent­halts­raum. Das Pfle­ge­team war jeweils ver­un­si­chert, wies sie dar­auf hin, dass die­ses Ver­hal­ten nicht tole­riert wer­de, und schick­te sie ins Zimmer.

Gemein­sam mit der Bezugs­per­son habe ich die Bewoh­ne­rin in einem ruhi­gen Moment auf mög­li­che Stim­men ange­spro­chen. Sie war sehr offen und fast ent­las­tet, dass jemand danach fragt und es aus-hält. Mit dem Team habe ich das Krank­heits­bild und das Phä­no­men Stim­men­hö­ren ver­tieft, was das Ver­ständ­nis für ihr Ver­hal­ten geför­dert und die Situa­ti­on ent­las­tet hat. Die Bezugs­per­son habe ich dar­in befä­higt gemein­sam mit der Bewoh­ne­rin mög­li­che Stra­te­gien im Umgang mit den Stim­men zu erar­bei­ten. In einem psych­ia­tri­schen Kon­sil wur­de zudem die Medi­ka­ti­on gemein­sam mit ihr bes­pro-chen und überprüft.

In die­sem Bei­spiel waren die Not der Bewoh­ne­rin und die Über­for­de­rung des Teams deut­lich spür­bar. Was mich jedoch eben­so beschäf­tigt, ist das stil­le Lei­den. Es gibt Bewoh­nen­de, die sich zurück­zie­hen, kaum noch essen oder vor allem über Müdig­keit und kör­per­li­che Beschwer­den kla­gen. Sie stö­ren nie­man­den, und vie­les wird dem Alter zuge­schrie­ben. So bleibt eine Alters­de­pres­si­on oft uner­kannt, obwohl sie behan­del­bar ist. Weil die­se Men­schen nicht auf­fal­len, wer­de ich kaum bei­gezo­gen. Des­halb lege ich in Schu­lun­gen bewusst den Fokus dar­auf, dass Teams auch die­se lei­sen Anzei­chen wahr-neh­men und dar­auf reagieren. 

Und in der Spi­tex – was begeg­net dir dort?

Soma­ti­sche Spi­tex-Teams zie­hen mich eher bei, wenn sie sich in der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Men­schen mit einer psy­chi­schen Erkran­kung unsi­cher füh­len. In Psych­ia­trie-Spi­tex-Teams geht es häu­fig um die Fra­ge der Ver­ant­wor­tung und um den Über­gang zu einer Selbst­ge­fähr­dung, sei es auf­grund eines er-höh­ten Sui­zid­ri­si­kos oder einer zuneh­men­den Ver­wahr­lo­sung. Die Psych­ia­trie-Spi­tex ist oft nur ein-mal wöchent­lich bei den Kli­en­tin­nen und Kli­en­ten und muss dann ein­schät­zen, ob eine aku­te Selbst-gefähr­dung vor­liegt, ob eine Beglei­tung zuhau­se noch trag­bar ist oder ob es wei­te­re Inter­ven­tio­nen braucht. Rund­tisch­ge­sprä­che mit Ange­hö­ri­gen sind hier­bei zen­tral. Doch gera­de bei Men­schen ohne sozia­les Netz­werk sind Spi­tex-Mit­ar­bei­ten­de oft die ein­zi­gen Per­so­nen, die regel­mäs­sig mit ihnen in Kon­takt stehen.

Fach­in­puts und Team­be­spre­chun­gen kön­nen die Hand­lungs­si­cher­heit stär­ken und zur Ent­las­tung der Fach­per­so­nen beitragen.

Man­che Lei­tun­gen zögern, Unter­stüt­zung zu holen – aus Sor­ge, dass es als man­geln­de Qua­li­tät aus­ge­legt wird. Was sagst du ihnen?

Die Kom­ple­xi­tät und die Anfor­de­run­gen an die Pfle­ge sind in allen Set­tings deut­lich gestie­gen. Um dem gerecht zu wer­den und wei­ter­hin eine hohe Pfle­ge­qua­li­tät sicher­zu­stel­len, braucht es ver­tief­tes Fach­wis­sen und erwei­ter­te Kom­pe­ten­zen. Dazu kann es erfor­der­lich sein, sich exter­ne Unter­stüt­zung zu holen, was kei­nes­falls ein Zei­chen man­geln­der Qua­li­tät ist. Bereits das Inter­es­se einer Lei­tungs­per­son zeigt, dass sie sich für eine hohe Pfle­ge­qua­li­tät ein­set­zen möch­te – unab­hän­gig vom Sta­tus quo. 

Zudem erle­be ich oft, dass eine Aus­sen­per­spek­ti­ve sehr hilf­reich ist: jemand, der eine Situa­ti­on mit neu­tra­lem Blick beob­ach­tet und Rück­mel­dun­gen und Ideen einbringt.

Was möch­test du Insti­tu­tio­nen mitgeben?

Dass sie nie­der­schwel­lig Kon­takt auf­neh­men dür­fen. In einem unver­bind­li­chen Gespräch kön­nen wir gemein­sam ihren Bedarf klä­ren und ein indi­vi­du­el­les Ange­bot zusam­men­stel­len. Mir ist wich­tig, die Hemm­schwel­le zu sen­ken: Es muss weder eine psych­ia­tri­sche Dia­gno­se vor­lie­gen, noch muss eine Situa­ti­on eska­liert sein, bis man sich mel­det. Es emp­fiehlt sich sogar, regel­mäs­si­ge Fall­be­spre­chun­gen ein­zu­pla­nen und prä­ven­tiv hin­zu­schau­en – bevor ein Team an sei­ne Gren­zen kommt. Dazu möch­te ich Mut machen.

Und was steht als Nächs­tes an?

Fach­ex­per­ti­se trifft Erfah­rungs­exper­ti­se: In einem Alters- und Pfle­ge­heim durf­te ich erst­mals gemein-sam mit einer Gene­sungs­be­glei­te­rin (Peer) eine Schu­lung zur Pfle­ge von Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen gestal­ten. Die Pfle­gen­den pro­fi­tier­ten dabei von der Ver­bin­dung von Fach- und Erfah-rungs­wis­sen. Ein sehr wert­vol­les Ange­bot, wel­ches wir nun wei­ter ausbauen.

 

Kos­ten­lo­ses Ken­nen­ler­nen mit Mar­ti­na Lerch 

Sie wün­schen sich psych­ia­tri­sche Fach­ex­per­ti­se zur Stär­kung ihres Pfle­ge­teams? In einem unver­bind­li­chen Gespräch bespre­chen wir, wo psych­ia­tri­sche Fach­ex­per­ti­se in Ihrer Insti­tu­ti­on anset­zen könnte.