Eine Bewohnerin mit Demenz räumt immer wieder bereits gedeckte Tische ab. Statt das Verhalten lediglich zu korrigieren, sucht das Team nach einer Möglichkeit, ihr Bedürfnis nach Tätigkeit sinnvoll aufzugreifen.
Eine Box voller Tätigkeiten
Die Bewohnerin hat früher sehr gerne mitgeholfen und beschäftigt sich auch heute noch gerne in der Cafeteria. Gleichzeitig kam es immer wieder vor, dass sie bereits gedeckte Tische wieder abräumte. Statt dieses Verhalten lediglich zu korrigieren oder zu verhindern, suchte das Team nach einer Möglichkeit, ihr Bedürfnis nach Tätigkeit sinnvoll aufzugreifen.
Eine Mitarbeiterin der Hauswirtschaft entwickelte daraufhin eine Aktivitätenbox. Darin befinden sich beispielsweise Tücher zum Zusammenlegen, Gläser zum Abtrocknen oder ein Besen zum Wischen. Die Bewohnerin kann dadurch weiterhin eine für sie bedeutsame Tätigkeit übernehmen, in einem Rahmen, der sowohl ihr als auch dem Umfeld entspricht.
Solche Lösungen entstehen häufig erst dann, wenn unterschiedliche Berufsgruppen gemeinsam überlegen. Im Alters- und Pflegeheim Grindelwald geschieht das in den monatlichen interprofessionellen Fallbesprechungen.
Von der Schulung zum geschätzten Gefäss
Celine Thomet, mobile Pflegeexpertin BScN und Fachexpertin Palliative Care bei Advacare, begleitet das Alters- und Pflegeheim Grindelwald in der Palliative Care. Nach einer hausweiten Schulung zu Palliative Care und palliativer Haltung wurden im Heim monatliche interprofessionelle Fallbesprechungen eingeführt. Was als weiterer Schritt in der Umsetzung der Schulungsinhalte begann, hat sich inzwischen zu einem äusserst wertvollen und von den Mitarbeitenden sehr geschätzten Gefäss entwickelt.
Einmal im Monat wird gemeinsam eine konkrete Bewohnersituation besprochen. Mit dabei sind Mitarbeitende aus unterschiedlichen Berufsgruppen und Bereichen. Gerade diese Vielfalt macht die Fallbesprechungen so wertvoll: Jede Person bringt andere Beobachtungen, Erfahrungen und Informationen mit, und gemeinsam entsteht ein Bild, das weit über die rein pflegerische oder medizinische Sicht hinausgeht.
So läuft eine Fallbesprechung ab
- Den Menschen in seiner Gesamtheit betrachten. Zu Beginn wird die Situation der Bewohnerin oder des Bewohners multidimensional betrachtet. Gemeinsam werden Informationen aus vier Dimensionen zusammengetragen: der physischen, der psychischen, der sozialen und der spirituellen beziehungsweise existenziellen Dimension. Dabei zeigt sich immer wieder, wie viel Wissen im Team vorhanden ist. Die Pflege kennt andere Aspekte als die Hotellerie, die Aktivierung oder weitere Mitarbeitende, die täglich mit der Bewohnerin oder dem Bewohner in Kontakt stehen. Erst durch das Zusammenführen dieser Perspektiven entsteht ein umfassendes Verständnis der aktuellen Situation.
- Problemsituationen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Bestehende Problemsituationen werden bewusst aus verschiedenen Blickwinkeln angeschaut: Wie erlebt die Bewohnerin oder der Bewohner die Situation? Wie erleben sie die Angehörigen? Und was beschäftigt oder belastet die Mitarbeitenden?
- Zusammenhänge suchen. Welche Rolle spielen die Biografie, bestehende Diagnosen, frühere Lebensgewohnheiten, Verlusterfahrungen oder Veränderungen der aktuellen Lebenssituation? Gerade dieser Teil führt häufig zu wichtigen Aha-Momenten.
- Ziele und Massnahmen festlegen. Auf der Grundlage der gemeinsamen Einschätzung werden konkrete Ziele formuliert und passende Massnahmen entwickelt. Diese beschränken sich bewusst nicht auf pflegerische Interventionen, sondern beziehen alle Lebensbereiche mit ein. Damit gute Ideen nicht einfach im Sitzungszimmer bleiben, wird am Ende klar festgehalten, wer welche Massnahme übernimmt.
- Gemeinsam evaluieren. Zu Beginn der nächsten Fallbesprechung werden die vereinbarten Ziele und Massnahmen gemeinsam evaluiert: Was hat funktioniert? Was hat sich verändert? Was müssen wir anpassen?
So entsteht ein kontinuierlicher Prozess aus Beobachten, Verstehen, Handeln und Evaluieren.
Lernen am konkreten Fall
Gleichzeitig werden die Fallbesprechungen immer wieder zu einer kleinen fachlichen Weiterbildung: Wissen wird geteilt, Zusammenhänge werden erklärt und Haltungen gemeinsam reflektiert. Auch Themen wie validierende Haltung und Kommunikation haben regelmässig Platz. Wie reagieren wir auf bestimmte Aussagen oder Verhaltensweisen? Welche Bedürfnisse könnten dahinterstehen? Und wie können wir unsere Kommunikation so gestalten, dass sich die Bewohnerin oder der Bewohner verstanden und ernst genommen fühlt?
Keine Pflicht, sondern ein sinnvolles Gefäss
Besonders erfreulich ist die hohe Motivation der Mitarbeitenden. Die Fallbesprechungen werden nicht als zusätzliche Pflicht erlebt, sondern als sinnvolles Gefäss, in dem sie ihre Beobachtungen einbringen, voneinander lernen und gemeinsam Lösungen entwickeln können. Die Identifikation damit ist so gross, dass einzelne Mitarbeitende sogar freiwillig an einer Fallbesprechung teilnehmen, obwohl sie an diesem Tag eigentlich frei hätten.
Was wir daraus mitnehmen
Für uns zeigt dieses Beispiel sehr schön, was gelebte interprofessionelle Zusammenarbeit und palliative Haltung bedeuten können: Nicht eine Berufsgruppe allein hat die Lösung. Entscheidend ist, dass wir genau hinschauen, verschiedene Perspektiven ernst nehmen und gemeinsam danach fragen, was für diesen Menschen in seiner aktuellen Situation wichtig und hilfreich ist.
Das Format lässt sich übertragen: in Alters- und Pflegeheimen ebenso wie in Spitex-Organisationen oder in Institutionen für Menschen mit Behinderung. Advacare unterstützt Betriebe dabei, Palliative Care und interprofessionelle Zusammenarbeit im Alltag zu verankern.
Von Celine Thomet, mobile Pflegeexpertin BScN, Fachexpertin Palliative Care bei Advacare
